Wenn man trotz Plan recht planlos ist. Und warum das okay ist

Eine kleine Reportage von der herCAREER

Schriftzug Trau dich

schreit es von riesigen Plakaten. Überall liegen kleine Flyer, Postkarten, Sticker und Buttons aus, die mich und die vielen anderen Frauen am heutigen Morgen aufrütteln, motivieren und in eine gar andere Welt locken möchten. Eine Welt, in der Frauen alle Türen offen stehen.

 

Zahlreiche Aussteller, Workshops, Vorträge von Role Models und Panels lockten interessierte Frauen zur Karriere- Messe. Foto ©herCAREER – Franz Pfluegl
Zahlreiche Aussteller, Workshops, Vorträge von Role Models und Panels lockten interessierte Frauen zur Karriere- Messe. Foto © Franz Pfluegl

Ich gehe durch die Gänge der vier riesigen Hallen, die in kleine und große Pavillons aufgeteilt wurden und lasse die ersten Eindrücke auf mich wirken. An einigen Ausstellertischen wird intensiv diskutiert, andere glänzen durch leere Stühle. Viele der Mitarbeiter stehen lächelnd da, mit Prospekten bewaffnet und traut sich sie anzusprechen. Es ist kurz nach neun. Die Tore der herCAREER im Modehaus MTC, an der Taunusstrasse haben soeben erst aufgemacht.

Die Halle füllt sich von Minute zu Minute. Schnell sind die Sitzbänke vor den Rednerpulten im Livetrainings- Center restlos mit Workshop- Teilnehmerinnen besetzt. Alle 30 Minuten wechselte das Programm. Dann gibt es für fünf Minuten ein Getuschel und Geschnatter, bis der nächste Redner die Anwesenden wieder in seinen Bann zieht. Die hohe Geräuschkulisse nimmt wieder die Form eines Dumpfen Gesäusels in weiter Ferne ein. Volle Konzentration.

Starke Frauen und Rollenvorbilder erzählten ihre Geschichten und motivierten bei diversen Meetups und Gesprächsmöglichkeiten
Starke Frauen und Rollenvorbilder erzählten ihre Geschichten und motivierten bei diversen Meetups und Gesprächsmöglichkeiten. Foto © Franz Pfluegl

Verloren im Dschungel der Möglichkeiten

Habt ihr schon mal ein Huhn ohne Kopf gesehen, das wild umher läuft? Ja so fühle ich mich eingangs beim Betreten der großen Messehalle. In gewisser Weise spiegelt dies meine Gefühlswelt im wirklichen Leben wieder. Ich habe einen Plan, bin aber irgendwie immer noch planlos.

Aus diesem Grund bin ich heute wohl nicht die Einzige, die nach München zur herCAREER gekommen ist. Nachdem ich mit Hilfe des Hallenplan einigermaßen die Orientierung wiedergewonnen habe, beginne ich damit meine Liste mit den Veranstaltungen für die kommenden zwei Tage abzuarbeiten. Ein Programmpunkt jagt den nächsten. Wie wohl jede zweite, der hier anwesenden Frauen habe auch ich noch tausende Fragen zur Selbstständigkeit, Weiterbildungsmöglichkeiten und, wie ich mich selbst, aber auch mein digitales Profil optimieren kann.

Ohne Messeheft mit Hallenplan und Programm ging nix. Foto Franz Pfluegl
Immer zur Hand: Das Messeheft mit Hallenplan und Programm- ohne konnte man schnell die Orientierung verlieren. Foto © Franz Pfluegl

Frauen helfen Frauen: Ein Konzept mit Herz

Ich will so viel, wie möglich mitnehmen. Die weite Reise von Münster nach München soll schließlich nicht umsonst gewesen sein. Vier Tage unterwegs- ohne Kinder. Die sind daheim geblieben. Ein komisches, aber auch gutes Gefühl. Glücklicherweise habe ich einen guten Babysitter. Alternativ hätte ich die Kleinen auch mitnehmen können, denn auf dem Messegelände gibt es die Möglichkeit, seine Kinder bei den Notfallmamas zu lassen. Ein Angebot, das die Veranstalter der herCAREER bewusst eingeplant haben, damit alle Frauen, auch die mit Kindern, die Möglichkeit haben sich über Ihre Potenziale zu informieren.

Und die Kinder durften men sich während der Vorträge um den Nachwuchsbysitter für die Messetage hatte, konnte seine Kinder einfach mitbringen. Mit Voranmeldung wurden die Kleinen von den Notfallmamas bespielt, während die Mamis sich i
Auch ohne Babysitter dabei. Notfallmamas kümmerten sich während der Vorträge um den Nachwuchs. Foto © Franz Pfluegl

Es sollten alle Aspekte einer weiblichen und familiären Karriereplanung abgedeckt werden. Eine Idee, die ideal das innovative Konzept des Unternehmens wiederspiegelt. Frauen, die andere Frauen unterstützen. Die Netzwerkarbeit ist eines der Kernelemente, der mittlerweile bundesweit bekannten Karrieremesse, die selbst vor drei Jahren als kleines Start-up gestartet ist. Dieses Jahr konnte sich die Gründerin Natascha Hoffner und ihre Kolleginnen von der messe.rocks GmbH erneut über gestiegene Besucherzahlen freuen. Insgesamt nahmen in 2017 4558 Besucher/innen an der Messe teil. In vier Hallen, einer mehr als im Vorjahr, präsentierten 205 Aussteller und Partner ihr Angebot. In rund 200 MeetUps und Job- offer- Talks und über 60 Vorträgen konnten sich die Besucherinnen über ihre Karrieremöglichkeiten informieren und inspirieren lassen.

Die Veranstalter rufen auch für das kommende Jahr auf, die herCARREER weiterzuempfehlen, um so viele Frauen zu erreichen.
Die Veranstalter rufen auch für das kommende Jahr auf, die herCARREER weiterzuempfehlen, um so viele Frauen zu erreichen. Foto: ©herCAREER – Franz Pfluegl

Die Geschäftsführerin Natascha Hoffner hat mit Ihrer Idee genau ins Herz von hunderten Frauen getroffen. Sie spricht Studentinnen, Absolventinnen, Frauen in Führungspositionen und Existenzgründerinnen gleichermaßen an und deckt mit einem umfangreichen Programm alle Spektren weiblicher Karrieren ab. Die Veranstalter kommunizierten, nicht nur in Ihrer Messezeitschrift eine offene und solidarische Atmosphäre, in der Messeteilnehmerinnen dazu aufgerufen wurden offen über ihre Pläne, aber auch über ihre Selbstzweifel und Ängste zu sprechen. Ein Konzept, welches ich in der Tat bestätigen kann. In keinem der Gespräche, die ich in diesen zwei Tagen mit den unterschiedlichen Ausstellern, Referenten und Messeteilnehmerinnen führe, musste ich mich irgendwie klein oder nicht ernstgenommen fühlen. Als Berufseinsteigern mit zwei kleinen Kindern erlebe ich es sonst anders.

 

Thematische Schwerpunkte und Leitlinien

Chancengleichheit und die Förderung von Frauen gehörten auf der herCAREER zu den Leitlinien der Organisatoren und teilnehmenden Unternehmen. Auch auf den Bühnen der großen Auditorien eins und zwei wurde viel über die Möglichkeiten von Frauen, ins Besondere in Zeiten der Digitalisierung diskutiert. Über die immer noch nicht ausreichend geänderten Rahmenbedingungen weiblicher Karrieren und darüber, wie wichtig die gegenseitige Unterstützung und Förderung von Frauen untereinander ist.

 

Rahmenbedingungen weiblicher Karrieren

Was muss sich ändern, welche Rahmenbedingungen brauchen Frauen. Beim Panel diskutierte Robert Franken mit namenhaften Gästen darüber. Foto Franz Pluegl
Was muss sich ändern und welche Rahmenbedingungen brauchen Frauen, um ihre Chancen nicht zu verpassen? Beim Panel diskutierte Robert Franken mit namenhaften Gästen darüber. Foto © Franz Pluegl

Digitale Frauenpower ganz live

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Digitale Frauenpower. Welche Vorteile die Digitalisierung für Frauen hat besprachen die Moderatorin Elfriede Kerschl und ihre Gesprächspartnerinnen bei der herCAREER. Foto © J. Puzik

Chance verpasst? Oder ist genau dies eine neue Möglichkeit?

Der Vortrag zu Digitaler Frauenpower hat mich derart ins Thema gezogen, dass ich völlig die Zeit aus dem Blickfeld verloren habe. Wie von einer Mücke gestochen stürme ich zu meinem nächsten Programmpunkt. Keine Zeit zum Luft holen. Die Aufregung und Anstrengung macht sich aber langsam bemerkbar. Mit zwei vollen Tüten voller Prospekte, Gratiszeitungen und kleinen Giveaways hetze ich von einer Halle zur Nächsten. Wie ein Tourist in einer neuen ihm unbekannten Umgebung, mit dem Programm und dem Hallenplan in der Hand und einem irritierten Blick in den Augen. Was wohl die Aussteller gedacht haben müssen, als ich zum dritten Mal innerhalb von fünf Minuten an ihnen vorbeigeirrt bin?

Die Texterin Lilli Koisser verriet bei der herCAREER Marketingstrategien für Freiberufler
Die Texterin Lilli Koisser verriet Marketingstrategien für Freiberufler. Freie Texter finden Rat und Tat auf ihrem Blog LETTERS oder in der dazugehörigen Facebook- Gruppe. Foto © J.Puzik

Und plötzlich funkt mir das Leben einfach dazwischen. Der Termin, den ich von allen auf meinem Plan am fettesten markiert hatte „Marketing für Freiberufler“ ist voll- kein Einlass mehr. Da kennt der Security Bursche mit dem roten Shirt keine Gnade. Obwohl der Vortrag noch nicht einmal begonnen hatte. Selbst die Referentin Lilli Koisser musste sich erst zu erkennen geben, damit sie zu ihrem eigenen Meetup hereingelassen wurde. Der große Ansturm wundert mich nicht. Die freie Texterin hat viele Facebook- Fans und unterstütz mit ihrem Blog Letters freie Texter bei ihrem Selbstmarketing und hat eine Community aufgebaut, die sich gegenseitig unterstützt. Meine Website ist dank dieser Gemeinschaft überhaupt erst zum Leben erwacht. Es ist zwar noch lange nicht alles perfekt, aber dafür bin ich ja hier auf der herCAREER. Ohne die Vorankündigung von Lillis Vortrag und ihrem Ticket- Gewinnspiel wäre ich aber wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen nach München zu kommen. Und jetzt verpasse ich das Treffen. Ich ärgere mich. Was mache ich nun?

Unterwegs auf der herCAREER
Mit voll gepackten Taschen- Meine Wenigkeit unterwegs auf der herCAREER. Foto © J.Puzik

Von Rückenschmerzen und neuen Bekanntschaften

Alle anderen parallellaufenden Veranstaltungen haben alle schon angefangen. Ich wurde zur Zwangspause verdammt. Also lasse ich mein Handy in einer der Powerbox- Stationen verschwinden, die idealer Weise in jeder Halle aufgestellt sind, um totgeweihte Akkus wieder aufzuladen. Dann hole mir einen Kaffee. Mit dem Becher in der einen und einem frischen Bretzel in der anderen Hand, streife ich durch die Gänge und beobachte das bunte Treiben. Als ich eine Sitzecke aus Europaletten entdecke, bekommt mein Gesicht augenblicklich weichere Züge. Ich lasse mich in das weiße Sitzkissen fallen. „Uff“, entweicht es mir. Mein Rücken beugt sich vor Erleichterung und schmiegt sich in das Polster und zum ersten Mal entspanne ich mich. Die sich seit Stunden in meinem Rücken ausgeweiteten Schmerzen, vom Schleppen der schweren Taschen, mit den ganzen Infobroschüren, entweichen aus meinem Körper, wie Luft aus einem Planschbecken. Ich atme tief ein und nehme einen großen Schluck Kaffee. Die kaum durchschlafene Nacht im Flixbus von Münster nach München, über zehn Stunden Fahrt, liegt mir noch in den Knochen. Aber wenigstens hat mich die Fahrt Dank der Sonderaktion für Studentinnen und Absolventen nichts gekostet.

Dann spricht mich von rechts eine nette Stimme an und wir kommen ins Gespräch. Es ist, wie unter Freundinnen. So herzlich und offen, dabei kennen wir uns eigentlich gar nicht. Ich stutze über meine spontane Offenheit und schmunzle. Anscheinend hat mich dieser besondere Ort und Geist der Veranstaltung tatsächlich angesteckt.

Ich blicke auf meine Uhr. Oje jetzt hätte ich doch beinahe den nächsten Vortrag verpasst. Von der Realität eingeholt verabschiede ich mich herzlich und ziehe weiter. Diesmal aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht und ein bisschen weniger Stechen im Rücken.

Die Erkenntnis des Tages: Alles nicht so schwernehmen

Meine Taschen sind in dieser halben Stunde zwar nicht leichter geworden. Aber irgendwie meine Einstellung.

Die schönsten Begegnungen schreibt wohl das Leben selbst. Ob Zufall, ob Schicksal. Diese Begegnung konnte ich nicht planen. Dabei hat mich dieser Moment mehr gelehrt, als es hätte ein Vortrag machen können- mal eine Auszeit zu nehmen, durchatmen, achtsam zu sein und im wahrsten Sinne (wenn ich an meinen Rücken denke), alles nicht so schwer zu nehmen.

 

 Die herCAREER@nigth läd zum Netzwerkdinner ein

 

Warum es besser ist achtsam, statt perfekt zu sein

Den zweiten Tag habe ich ruhiger begonnen, lange gefrühstückt und mich erst dann wieder auf den Weg zur großen Messehalle gemacht. Meine schweren Taschen habe ich an der Garderobe abgegeben und mein Terminplan beinhaltete bewusst mehrere Pausen. Es zahlte sich aus nicht, wie zuvor von einem Workshop zum Nächsten zu laufen. Ich blieb nach dem Vortrag zum SEO- Texten einfach ein Weilchen sitzen. Und tadaaa, da entdeckte ich in der letzten Reihe Lilli Koisser. Meine Online- Texter- Mentorin, deren Vortrag ich am Tag zuvor leider verpasst habe. Jetzt hatte ich persönlich die Chance sie anzusprechen und mich zu bedanken. Ein obligatorisches Selfie gab es auch. Wenn das kein Zeichen ist.

Lilli Koisser, Mentorin der FB Gruppe LETTERS und Joanna Puzik © J.Puzik
Lilli Koisser, Mentorin der FB Gruppe LETTERS und ich, Joanna Puzik © J.Puzik

Es war schön in den Gängen und bei den Vorträgen nun schon vertraute Gesichter zu sehen. Jede meiner neuen Bekannten, kam mit ihrer eigenen Geschichte, die sie offen vorstellen konnte und, die zu anregenden Unterhaltungen geführt hat. So auch Danielle G. Löhr, die den erhabenen Titel der Salonière trägt. Sie engagiert sich mit viel Leidenschaft und Herz für einen Zirkel aus Frauen, die sich regelmäßig zu einem netten Brunch mit Kulturprogramm und Gesprächsrunden unter Businessfrauen treffen (Business- Herzwerk). Es entstehe jedes Mal eine magische Atmosphäre, so die Lebenskünstlerin. Und auch mir hat sie einen wundervollen Rat mitgegeben, der ein guter Abschluss für diese zwei intensiven Tage ist.

Wir dürfen und sollten uns erlauben, Fehler zu machen, denn nur dadurch könne man wachsen und neue Möglichkeiten und Potenziale entdecken. Wie wahr.

Was ich letztendlich nach diesem Ausflug wieder zurück nach Hause mitnehme, sind schöne Gedankenaustausche, lehrreiche Impulse und wohl die wichtigste aller Schulungen: Dass nicht alles im Leben planbar ist und sein sollte. Gelegenheiten ergeben sich, wenn man nur mit offenen Augen und Herzen durch das Leben geht. ■

Unsere Zukunft in guten Händen
Unsere Aufgabe: Kleine Mädchen fördern, damit aus ihnen die starken Frauen von Morgen werden. Foto: ©J.Puzik

 

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aus dem großen Karriere- Spezial: Selbstmarketing für Anfänger gibt es in der nachfolgenden Übersicht. Viel Spass.

Experten berichten auf der herCAREER worauf es wirklich ankommt -Selbstmarketing I-III

Experten berichten auf der herCAREER, worauf es wirklich ankommt – Selbstmarketing für Anfänger I-III.

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