Traditionelle Rollenbilder beherrschen uns noch heute

Traditionelle Vorbilder sind on vogue. Besonders junge Mütter neigen dazu ihre persönlichen Bedürfnisse hinter die der Familie zu stellen, was schnell zu Überforderung und einer Ambivalenz der Gefühle führen kann. Deshalb raten Verhaltensforscher dazu ruhig mal aus der Rolle zu fallen.

Text von Joanna Puzik

Traditionelle Rollenbilder beherrschen uns noch heute
1955 gab der „Housekeeping Monthly“ Antwort darauf, wie man eine gute Ehefrau werde. Foto: © Nick Karvounis on Unsplash
Meine diesjährige Sommerlektüre war der Roman „Frida bügelt heute nicht“ von Rosanna Liebowitz. Eine erfrischende Geschichte über eine Mutter, die kurzerhand beschließt ihren eintönigen Haushalt, die nörgelnden Kinder und den unzufriedenen Ehemann gegen eine spirituelle Reise nach Thailand einzutauschen. Ihr neues Selbstbewusstsein bedeutet aber nicht den Bruch mit der Familie, vielmehr findet die Protagonistin Verständnis bei ihren Kindern und auch ihr Ehemann beginnt um sie zu kämpfen.

Es wird Zeit sich von Idealbildern zu befreien

Ich selbst bin eine zweifache Mutter und fühle mich manchmal wie ein nörgelnder Mutterdrachen, nicht wie die selbstlose Mutter, die ich gern wäre. Mit dieser Erkenntnis habe ich den ersten Schritt getan, wenn es nach der Psychologin Maxine Harris geht. Sie schrieb bereits 1994 in ihrem Buch „Runter vom Sockel. Über die Befreiung von Weiblichkeitsidealen“ über den Umgang von Frauen mit selbst- oder fremdbestimmten Rollenvorbildern. Da es im Leben einer Frau, unabhängig welchen Lebensweg sie gewählt hat, gleiche Muster und Lebensphasen gibt, treffen die Ausagen heute noch zu.

Rollenverhalten Statistik

Studien zeigen, dass gerade junge Eltern zu traditionellem Rollenverhalten neigen

Aus dem Arbeitsklimaindex 2015 für Österreich geht hervor, dass bei drei von vier Paaren die frischgebackene Mutter den Haushalt übernimmt und der Mann somit zum Geldverdiener traditionalisiert werde. Aber auch in Deutschland kommt bei drei von vier Frauen die Familie an erster Stelle. Sie nehmen nach der Erziehungszeit nur eine Teilzeitstelle oder einen Minijob an, dies zeigt Dr. Alexander Yendells Studie zu sozialen Ungleichheiten in der beruflichen Weiterbildung. Manche Eltern fühlen sich orientierungslos, sind mit neuen Weltanschauungen und der Liberalität in Erziehungsfragen überfordert und greifen deshalb auf altbekannte Verhaltensmodelle zurück, sagt Bernhard Kalicki. Viele Beziehungen scheitern wegen märchenhafter Vorstellungen von Ehe und Familie, so der münchner Professor für Frühkindliche Entwicklung. Magelnde Kinderbetreuungsplätze und die Gehaltsschere von 23% würden ihr Übriges tun.

Kinder stellen Beziehungen auf eine Bewährungsprobe

Falsche Erwartungen an die Elternrolle führen zu Selbstzweifeln und Schuldzuweisungen, deshalb müsse zwischen Mutterschaft und Muttertätigkeit unterschieden werden, sagt Dipl. Psychologin Dr. Helga Krüger- Kirn. Im schlimmsten Fall wird die Mutterrolle komplett in Frage gestellt, wie die nicht abreißen wollende Debatte über die „Regreetingmotherhood- Studie“ der israelischen Soziologin Orna Donath gezeigt hat. Sie wollte das Thema „Reue“ und „Kinder bereuen“ zur Diskussion stellen und traf damit vor allem in Deutschland einen wunden Punkt. In den sozialen Netzwerken wurde laut stark gestritten. Grundsätzlich bedarf es mehr Verständnis für die Mutterrolle, statt bloß zu verurteilen und an der Mutterliebe zu zweifeln. Deshalb sollten Frauen mehr Selbstmitgefühl haben und mit Gleichgesinnten über Schwächen sprechen, rät die Psychologin Brené Brown in ihrem Bestseller „Laufen lernt man nur durch hinfallen“. Die Wäsche kann warten, Zeit mit den Kindern oder mal ein Abend zu zweit fördert nicht nur den Zusammenhalt, sondern führt zu mehr Gelassenheit, so Brown. Damit das zweite Stück Kuchen das einzige bleibt, was man berreuen muss.