Vom MAGGIEthyrium bis zum KITAdrama. Magisterarbeit + Kind x 2

Text von Joanna Puzik

Und der Teststreifen zeigte zwei Striche: schwanger! Die Freude war groß, wir hatten es ja darauf angelegt. Ein Jahr nach der Hochzeit schien es eine gute Idee, außerdem war ich bereits scheinfrei und es fehlte nur noch die Magisterarbeit. Meinen Job als Küchenhilfe musste ich wegen zu großer körperlicher Belastung aufgeben. Zum Glück hat mein Mann sein Studium gerade beendet und in einem Ingenieurbüro angefangen. Wir mussten zwar bescheiden leben, aber es reichte aus, auch ohne Harz IV. Kindergeldzuschuss oder Wohngeld, für das eine waren wir zu reich, für das andere zu arm.

Die Höchstförderungsdauer beim Bafög hatte ich schon längst erreicht, Job, zusätzliche Seminare, Praktika und Auslandsreisen hatten das Studium bereits verlängert. Außerdem war es nicht gerade leicht einen geeigneten Professor für die Abschlussarbeit zu finden. Meine erste Kandidatin ist kurzerhand nach Thailand ausgewandert. Nummer zwei hat mich bei meinem Referat auseinandergenommen und mich komplett am Studium zweifeln lassen. Als ich endlich einen geeigneten Professor gefunden hatte, ließ dieser mich fast zwei Jahre lang ein Exposé nach dem anderen schreiben. Jedes Mal kam ich mit einem neuen Thema aus seiner Sprechstunde (natürlich hochmotiviert). Als Examenskandidat war es auch angebracht etliche Seminare seines Professors zu besuchen. Als dies wegen meiner fortgeschrittenen Schwangerschaft nicht mehr möglich war, dürfte ich mich glücklicherweise entschuldigen.

Da ich ja nicht ewig schwanger bleiben konnte und mein Studiengang langsam auslief, musste ich mich zügig zur Prüfung anmelden. Nur wiederwillig unterschrieb mir der Professor den Antrag mit den Worten, dass ich mir bewusst sein müsste, dass es auch Kandidaten gibt die durchfallen- sehr motivierend. Und tatsächlich trotz Herzblut und viel Recherche wurde meine Arbeit als nicht bestanden bewertet.

Von diesem Schock musste ich mich erst erholen. Mittlerweile war mein Sohn vier Monate alt. Ich konnte dank einem Artest über die Wochenbettruhe beim Prüfungsamt formlos eine spätere Abgabe beantragen. Mit sechs Wochen hatte der Kleine eine Lungenentzündung und war zwei Wochen auf der Intensiv, dafür hatte der Professor zwar Verständnis, im Resultat hieß es aber, dass meine Arbeit wohl in großer Eile geschrieben worden sei und nicht genüge. Ich könnte einige Argumente aufführen, die das Gegenteil belegen. Leider hat man zu wenig Zeit beim Prüfungsamt um das Bewertungsprotokoll zu lesen. Letztlich habe ich das Ganze mit der Begründung „mangelnder Kommunikation beiderseits“ und vielleicht ja auch persönlicher Antipathie ad acta gelegt.

Jetzt ging es darum schnellstmöglich einen neuen Professor und ein neues Thema zu finden. Ausserdem müsste ich alle weiteren Professoren abklappern, mir die Blöße tun und die Termine der mündlichen Abschlussprüfungen nach hinten zu verschieben. Bei den seltenen Sprechstundenzeiten war das eine ganz schöne Schnitzeljagd. Dank dem großen Engagement der Studienberaterin in meinem Fach (Kunstgeschichte) und der Leiterin des Instituts konnte ich mich nach vier Wochen erneut zur Prüfung anmelden.

Das war eine nervenaufreibende Zeit, voller Existenzängste, ob ich am Ende trotz jahrelangem Studium doch nur mit Abi dastehe, Selbstzweifel und natürlich war da noch das weinende Baby. Glücklicherweise war ich in meinem neuen Thema bereits einigermaßen belesen, so dass mir der Wiedereinstieg in den Rhythmus aus Mami sein tagsüber, und fleißigem Schreiberling nachts, nicht allzu schwer fiel. Mit meinen neuen Prüferinnen und dem begleitendem Kolloquium fühlte ich mich endlich gut aufgehoben.

Vielleicht hätte ich von Anfang an einen weiblichen Professor wählen sollen. Nicht dass dies etwas an der Bewertung meiner fachlichen Kompetenzen ändern würde, aber zumindest hatte ich das Gefühl von Empathie und Unvoreingenommenheit. Nachdem die zweite Arbeit bestanden war (Feuerwerk der Gefühle), konnte ich mich auf die Vorbereitungen der mündlichen Prüfungen stürzen. Es bedeutete erneut Feierabende vor dem Schreibtisch, aber die Motivation war groß. Summa summarium hatte sich das verlängerte Studium und die Doppelbelastung mit Kind, ausgezahlt und eine solide zwei schmückt jetzt mein Diplom. Ohne die Unterstützung meiner Eltern, die öfter als Babysitter einsprangen und der guten Zusprüche meines Mannes und meiner besten Freundin wäre das nie möglich gewesen.

Mittlerweile war ich bereits mit unserm Töchterchen schwanger. Aber da „Mami- sein“ allein zu einseitig wäre, habe ich beschlossen ein weiteres Studium dranzuhängen, um einerseits später auf dem Arbeitsmarkt zu punkten und um dem Kreislauf aus Windel, Spielplatz und Co. zu entfliehen. Leider hat sich der Beginn des Zweitstudiums verkompliziert. Die Einführung des Kita- Navigators, der die Betreuungsplatzvergabe in Münster vereinfachen sollte, anonymisierte die Bewerber so weit, dass schließlich vielleicht nur noch der Zufall für eine Zusage verantwortlich ist. Wir bekamen keinen Platz, aber fast 600 weitere Kinder laut Jugendamt auch nicht.

Also haben wir eine gesonderte Suchanfrage beim Jugendamt gestellt für einen Kitaplatz, bzw. eine Betreuung in der Kindertagespflege. Zu meinem Erstaunen hat sich die für mich zuständige Betreuerin schnell gemeldet und konnte mir zwei Kontakte vorschlagen. Und der Marathon aus potenziellen Tagesmüttern begann. Für die erste war mein Sohn zu alt (damals 2,5 Jahre), die zweite musste ich absagen, da ich nach der Hausbesichtigung schockiert zurückkam. Reptilien als Haustiere und Babybettchen in zugestellten Räumen- nein danke. Schließlich habe ich in Eigeninitiative einen Platz in einer Großtagespflege gefunden.

Im August 2015 sollte es losgehen und wenn alles gut ginge, sollte mein Sohn bis Semesterbeginn eingewöhnt sein. Leider war das nicht der Fall. Die Umsetzung des „Berliner Modells“, einer schonenden Eingewöhnungsmethode,war selbst nach Aussage des Jugendamtes misslungen. Mein Kind konnte einfach keinen Bezug zu seiner Tagesmami finden. Noch schlimmer, da er einer der ältesten in der Gruppe gewesen ist, hatte man von ihm erwartet, er könne bereits alles und hat den kleinen Bub soweit überfordert, dass ich ihn schließlich aus der Gruppe nehmen musste, um weitere Schäden zu verhindern. Also alles auf Anfang, jetzt sitze ich erneut mit Studium und Kind daheim und kämpfe mich erneut durch den Kita-Wahnsinn.

Dieser Text entstand Anfang 2016 und ist in gekürzter Fassung als erster von drei Teilen zur Serie: „Studieren mit Kind“, im Semesterspiegel, der Zeitschrift der Studierenden in Münster (SSP423, S. 30f) erschienen.

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Zwischen Kind und Kegel

Kurz vor dem Abschluss hat das Familienglück an meine Tür geklofft und so manchen Plan durcheinander gebracht. Aus dem eigenen Bedürfnis heraus, wie ich meinen Studienabschluss, trotz Kind erfolgreich meistere, fing ich an mich an meiner Heimatuniversität in Münster mit dem Thema „Studieren mit Kind“ zu beschäftigen.

Meine ersten Schritte als freie Autorin

Ich habe Gleichgesinnte aufgesucht und mich mit Verantwortlichen aus dem Studentenwerk, den Uni- Kitas gesprochen und der stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten aus dem Kreis der Studierenden getroffen. Die Ergebnisse meiner Feldforschung wurden schließlich als dreiteilige Kolumne im „Semesterspiegel“, der Zeitschrift der Studierenden veröffentlicht. Mit diesem Servicebeitrag wollte ich anderen StudiMamis und Vatis an meinem Wissen teilhaben lassen und bewirken, dass sich mehr studierende Eltern vernetzen und gegenseitig unterstützen.

Serie Studieren mit Kind 1: Mutter werden im Studium (S. 30f)

Studieren mit Kind Folge 1 Mutter werden im Studium

Serie Studieren mit Kind 2: Behördenmarathon (S. 24f)

Studieren mit Kind Folge 2 Behördenmarathon- Wie finanziere ich mich mit Kind

Serie Studieren mit Kind 3: Kitakriese. Wie finde ich eine gute Kinderbetreuung (S. 28f)

Studieren mit Kind Folge 3 Wie finde ich eine gute Kinderbetreuung

So fing mein Texterdasein vor genau zwei Jahren an. Ich hatte das Schreiben, als meinen roten Faden in meiner eigenen Biografie für mich entdeckt und könnte nun endlich die Frage beantworten, die wahrscheinlich jeder Geisteswissenschaftler Mal gestellt bekommt: „Du studierst was? Und was macht man damit?“

In diesem Sinne, alles Gute bei der Suche nach eurem roten Faden.

Eure Joanna

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