Alex Roll berichtet über den Redaktionsalltag

Nix los auf dem Dorf- Ganz im Gegenteil

Von großen und kleinen Highlights einer Lokalredaktion

von Joanna Puzik

 

Während die meisten Geschäfte bereits schließen, ist es in der Apotheke am Bauhaus in Borghorst ungewöhnlich geschäftig. Wer durch die Vitrine ins Innere schaut, mag über die große Menschenmenge erstaunt sein, die sich links vom Eingang gescharrt hat. Der Grund? Alex Roll, der Leiter der WN- Lokalredaktion erzählt heute Abend, „wie Hurenkinder in die Zeitung kamen“. Mit diesem provokanten Titel lud Michael Gantke, Vorsitzender des KulturforumSteinfurt, am 14. September 2017 zur Veranstaltungsreihe „Ortstermin“.

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Lernen an ungewöhnlichen Orten, das ist beim Ortstermin des KulturForumSteinfurt Programm: Heute in der Apotheke am Bauhaus. Foto: © J. Puzik

Wer glaube, in einer Lokalredaktion auf dem Dorf, sei nichts los, der wird vom heutigen Gastredner eines Besseren belehrt. Mit einem Schmunzeln, berichtet Alex Roll, Anekdoten aus seiner Pressearbeit und schlüsselt lokale Rivalitäten und Absurditäten auf.

Er selbst hat schon mit 14. Jahren als Lokalfotograf für Altenberge angefangen, war später Volontär in Rheine und Redakteur bei der WN. Seit nun zwanzig Jahren leitet er die Lokalredaktion in Steinfurt. Vieles habe sich geändert, vor Allem die Art und Weise, wie früher und heute gearbeitet werde, sagt er. Aber eines sei geblieben – der Spaß an der Arbeit.

 „Nehmt es mir bitte ab, ich kann mir keinen schöneren Job, als im Lokalteil vorstellen“

Alex Roll, Leiter der WN- Lokalredaktion Steinfurt und Umgebung

 

CHef der Lokalredaktion ALex Roll sprach, wie Hurensöhne in die Zeitung kommen
Das KulturForumSteinfurt lud zum Ortstermin in Borghorst: ALex Roll von der WN-Lokalredaktion berichtete Interessantes und Kurioses aus 40 Jahren Journalismus. Foto: © J. Puzik

Man weiß mit wem man es zu tun hat – das Lokale ist einfach näher dran

Er bevorzuge „das Lokale“, weil es direkt vor seiner Tür geschehe und näher dran ist. Gerade für die hautamtlichen Mitarbeiter ist es von Vorteil, wenn sie die wichtigen Leute vor Ort kennen und nicht immer, bei Adam und Eva beginnen müssen. „Man kennt seine Pappenheimer“, gibt Roll lachend von sich. Manchmal sei ein 60zig Zeiler im Lokalteil viel ausführlicher als ein knapper einandhalb Minuten Beitrag in den WDR3 Abendnachrichten. Wer vor Ort ist, sehe einfach mehr, sagt Roll.

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Das Borghorster Stiftskreuz aus dem 11 Jahrhundert sorgte in der vergangenen Zeit für viel Trubel in Borghorst. Foto: MarkusC63, CC BY 3.0

Zu den brisantesten Beispielen zählt der Raub des Borghorster Stiftskreuzes (2016/2017), das Schneechaos im Münsterland (2005) und der Stadtwerke- Skandal um Wilhelm Schulz (2008). Aber auch die tragische Geschichte einer Mutter und den Tod ihrer drei Kinder in Borghorst sorgte 2014 für überregionale Schlagzeilen.

Rivalitäten der Stadtteile tragen zur kulturellen Vielfalt bei

Während des berüchtigten Sommerloches konzentriere man sich hingegen auf Porträtgeschichten und Ereignisse, die vom Tagesgeschehen unabhängig sind. Manchmal müssen die Lokalredakteure soziale Netzwerke durchforsten, um Veranstaltungstermine von Pfarrzentren, Kitas und Vereinen herauszufinden. Darin bestehe der größte Nervenkitzel, so Roll. Durch die, damals, wie heute noch andauernde Bipolarität der Stadtteile haben auch das Ortsmarketing und die Heimatvereine Borghorst und Burgsteinfurt große Bedeutung. Obwohl Steinfurt bereits seit 1975 „eins“ ist, flammen immer wieder Rivalitäten auf. Jahre lang habe man die erste Seite des Lokalteils entsprechend der Stadtteile mühselig ausgetauscht. Heute konzentriere man sich auf Ereignisse, die für das gesamte Steinfurt relevant sind. Nur zu Karneval, da werde es schwierig, da die Borghorster Prinzen ihre Nachfolger nur im eigenen Lager wählen. Ob es gerade deshalb den Schellenbänd gibt?

„Eine Zeitung ist eine Wundertüte“, meint Roll. Für jeden sollte etwas dabei sein, auch wenn nicht jedem gefällt was drinstehe. Dies mache die Vielfalt der journalistischen Arbeit, aber auch des kulturellen Lebens in Steinfurt und Umgebung aus.

Mit lautem Beifall bedanken sich die Zuhörer für das vielseitige Abendprogramm, das einen kleinen Einblick in die Welt einer Lokalredaktion werfen ließ.

 

So sah Zeitungmachen vor 40 Jahren aus

Früher war er noch mit seiner Spiegelreflexkamera unterwegs. Er musste die schwarzweißen Bilder noch am gleichen Abend, nach einer lokalen Veranstaltung, entwickeln. Dann brachte er diese, zusammen mit dem, auf der Schreibmaschine getippten Text zur Lokalredaktion in Altenberge. Morgens mit dem Schulbus. Die Texte wurden damals noch mit dem Kugelschreiber redigieret. Fertige Artikel und Fotografien wurden auf großen Plakaten von einem Fahrradboten in der Lokalredaktion abgeholt und zum Lokführer der letzten Abendbahn gebracht. Dieser brachte sie nach Münster, wo ein Bote des Haupthauses bereits wartete. Ein riesiger Aufwand, dem manche Aktualität zum Opfer fiel. Heute ist diese eines der wichtigsten Verkaufsargumente, daher gewinnt die Onlineredaktion immer mehr Raum in der Berichterstattung.

Von der technischen bis zur digitalen Revolution

Die Technische Revolution kam ab 1983, der Bleisatz war passé. Die Texte wurden fortan mit Lichtsatz gemacht, d.h. die Texte wurden auf Fotopapier gelichtet. Jedoch mussten auch jetzt noch alle Teile, Fotos, wie Überschriften, wie einzelne Bausteine aufgeklebt werden. Heute bleibe dank Computer und Softwaretechnik mehr Raum und Zeit für die Inhalte. Einmal sei es passiert, dass die Namen unter den Fotos vertauscht worden sind. Eine Peinlichkeit, die den Redakteur zwei Blumensträuße und Entschuldigungsbesuche bei den zwei 90. jährigen Jubilarinnen gekostet hat. Heute passiere alles am Bildschirm. Per Knopfdruck gehe die fertige Ausgabe digital an die Druckerei. Es ist sogar möglich 15 Minuten vor Abdruck, noch Datensätze nachzuliefern. Die Lokalausgabe Steinfurt hat 13.000 Exemplare. Diese brauchen, laut Roll vierzig Minuten vom Abdruck bis zum LKW- fertig verpackt, proportioniert und mit Beilagen bestückt.

Was steht als nächstes an?

Ganz schön was los in Steinfurt
Das kulturelle Programm in Steinfurt und Umgebung ist vielfältig- allein im September und Oktober jagt ein Programmhigthligth das Nächste

Im Laufe des Jahres gibt es viel zu sehen in Steinfurt

Wer neu hinzugezogen ist, der merkt schnell, dass hier im Dorf ganz schön was los ist. Ein Event folgt dem Nächsten. Die Steinfurt Touristik listet einige Highlights auf ihrer Homepage auf. Für große Freude bei den kleinen Besuchern sorgt die, mehrfach im Jahr stattfindende Kirmes. Auch das Brunnenfest und der Schweinemarkt locken Familien in die Borghorster Innenstadt. Der Leinen- Handwerker, Erntedank- und Nikolausmarkt hingegen beleben das historische Burgsteinfurt. Zum „Tag des offenen Denkmals“ entführt die gesamte Region nicht nur die Anwohner, aber auch Touristen auf eine Reise in die Vergangenheit. Flohmärkte, Pfarrfeste und Kitafeiern beleben zusätzlich den Alltag der Steinfurter. Sogar ein Zirkus soll im Oktober in der Stadt gastieren. Neben den Großveranstaltungen stehen im kulturellen Jahresprogramm des KulturForumSteinfurt auch allerhand spannende Vorträge, Gesprächsrunden und lokale Ortstermine auf dem Plan.

 

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