Ein Tag voller Geschichte – Der 24. „Tag des offenen Denkmals“ lockte zahlreiche Besucher nach Steinfurt

Wer schon immer mal wissen wollte, wie das Leben einer Stiftsdame, eines Müllers, Leinewebers oder gar Burgherren ausgesehen hat, konnte beim 24. „Tag des offenen Denkmals“ wahrlich historischen Spuren folgen und sich auf eine Zeitreise ins alte Steinfurt begeben.

Von Joanna Puzik

STEINFURT. Ein seichtes Licht umgab den Wassergraben der alten Renaissance Burg der Grafenstein- Familie. Die frische Septemberbriese, das Klackern der Pferdehufe auf der mit Kopfstein gepflasterten Straße, dazu der Anblick der Wasservögel, die ihre morgendliche Runde drehen, hatten beinahe etwas Erhabenes. Am gestrigen Sonntag, den 10. September war es anders als sonst, ungewöhnlich geschäftig in der Altstadt von Burg Steinfurt.

Wer es geschafft hatte sich einen der begrenzten Plätze bei der Führung durch den „Renaissance Erker“ zu sichern, durfte beim gestiegen Tag des offenen Denkmals in Steinfurt, eine Prise Geschichte schnuppern. Das Schloss mit Rittersaal und Kapelle ist für öffentliche Besucher normalerweise nicht zugänglich. Daher war es eine einmalige Gelegenheit.

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Aktionstag begeistert 3,5 Millionen Besucher bundesweit

Aber nicht nur in der Burgstraße und auf der Passage der großen Allee des Bagno- Parks, wimmelte es von Touristen und Ortsansässigen Historikerfans. Bundesweit konnten am gestrigen Tag bis zu 7500 Denkmäler besichtigt werden. Den Veranstaltern zufolge haben bis zu 3,5 Millionen Bürger dieses kostenfreie Angebot, das von der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz bereits zum 24. mal indiziert wurde, für einen Sonntagsausflug mit Bildungsanspruch und Spaßfaktor genutzt.

 

Steinfurt qualifizierte sich mit einer Vielzahl von historischen Bauwerken zum Them:

„Macht und Pracht“

Allein auf den Raum Steinfurt fielen insgesamt 34. geschichtsträchtige Orte, davon allein 14. histoprische Bauten in Borghorst und Burgsteinfurt. Unter dem Motto „Macht und Pracht“ luden sie dazu ein, einen staunenden, aber auch kritischen Blick in die von weltlichen und religiösen Machtverhältnissen geprägte Vergangenheit zu werfen. Jedes der für das Tagesprogramm ausgewählten Kunst- und Industriebauwerke, ist ein Zeugnis der Sozial- und Kulturgeschichte jener Zeit. Heute können wir dank dieser Zeitzeugen der Geschichte Rückschlüsse darauf schließen, wie sich die Machtverteilung auf das regionale Stadtleben ausgewirkt hat.

Welche Folgen die ungleichen Machtverhältnisse beispielsweise in lutherischen Zeiten gehabt haben, zeigte das Stadtmuseum an der Hohen Schule in Burgsteinfurt, in einer besonderen Ausstellung zum Lutherjahr und präsentierte u.a. den „Reichsadlerhumpen“ von 1596.

Programm Tag des offenen Denkmals 2017

Programm Tag des offenen Denkmals 2017 Seite 2

Borghorster Damenstift prägte das Dorfleben

Lehrreich und andächtig wurde es auch bei der Besichtigung der neugotischen Pfarrkirche und Stiftskammer von St. Nikomedes in Borghorst, wo die Besucher die Geschichte zu den einzelnen Vorgängerbauten zurück bis ins 10. Jahrhundert ergründen konnten.

Mit einem Spaziergang oder einer Radtour in das heutige Wohngebiet Breul konnte man den Pfaden der ehemaligen freiweltlichen und adeliegen Stiftsdamen in die Aloysius- Kapelle in Borghorst folgen. Die einst durch Äbtissin Isabella von Nagel, im Jahre 1756 erbaute Kapelle lag einst mitten in einem Wald und diente den Nonnen als Ruhe- und Andachtsplatz.

Über hohe Besucherzahlen freute sich auch das HeinrichNeuyBauhausMuseum. Das Gebäude diente dem Damenstift bis zu seiner Auflösung im Jahre 1811, nach 843-jährigem Bestehen als Herberge (Kurie) und war zeitgleich das Zentrum des einstiegen Dorfes Borghorst, wo überwiegend Handwerker, Leineweber und Händler ihren Geschäften nachgingen.

St. Nikomedes, Stiftskirche in Borghorst

Wie lebte einst ein Handwerker?

Wie ein einfacher Arbeiter einst gelebt und gearbeitet hat konnten die Programmbesucher in unmittelbarer Nachbarschaft am Buckshook 4 im 360 Jahre alten Kötterhaus, dem wohl ältesten Wohngebäude Borghorsts nachempfinden. Neben einen Blick in die historisch ausgestatteten Wohnräume, war es möglich in der Webestube einmal Probe zu sitzen und sich anzuschauen, wie aus den einzelnen Fäden ein festes Tuch entsteht.

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Borghorster Leineweberhaus: Das 360 Jahre alte Kötterhaus am Buckshook 4 ist wohl das älteste erhaltene Wohngebäude in Borghorst. Foto: J.Puzik

Weitere Vorführungen fanden bis 17:00 Uhr auch in der Blaudruckwerkstatt statt, wo heute neben historischen Borghorster Motiven, die als Wandbilder dienten, auch moderne Taschen als individuelles Geschenk bedruckt und im Heimathaus erworben werden können. In dem ehemaligen Rathaus von 1887, in dem sich heute das Zentrum des Heimatverbandes befindet, luden die Verbandsmitglieder zu einer Besichtigung der aufwendig gestalteten Themenräume ein. Kulturliebhaber kamen hier voll auf ihre Kosten und bekamen Einblicke, die Interessierten sonst nur auf Anfrage oder jeden zweiten Sonntag im Monat gewährt werden.

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Ebenso spannend wurde es im einstiegen Ackerbürgerhaus Viefhofek, welches von 2007- 2009 detailreich vom Heimatverband restauriert worden ist. Die Hausherrin Carola Schmitz-Halstrup präsentierte in traditioneller Tracht gewandet Alltagsgegenstände von einstiegen Ackerbürgern, die sichtlich besser betucht waren, als die einfachen Handwerker. Neben Kleinkunst, konnten sie sich auch Bücher leisten. Besonders schöne, erhaltene alte Exemplare befinden sich heute in der historischen Bibliothek am Gymnasium Arnoldinum. Diese ist krankheitsbedingt jedoch verschlossen geblieben.

Abschluss mit Hoffest und Familiengottesdienst auf dem

Denkmalbauernhof

Wer möchte, konnte den Planwagen- Shuttleservice von Hans Knöpker, dem ehemaligen Vorsitzenden des Heimatvereins Burgstreinfurt nutzen und seine Reise an der Hollicher Mühle enden lassen. Hier gab es, wie auch schon bei der Niedermühle Näheres zum Müllers Leben zu erfahren. Nach einer Vorführung der alten Arbeitsweisen lockte eine Tasse frisch gebrühten Kaffees mit selbstgebackenem Bauernbrot.

Die Mühle war eines der Highlights auf dem Denkmalpflege- Werkhof, der mit einem gut besuchten Hoffest mit Aktionen für Groß und Klein aufgewartet hat und den Ereignis reichen Tag schließlich mit einem evangelischen Familiengottesdienst in den Abend verabschiedete. ■

Weitere Bilder: Fotostrecke Denkmaltag in Steinfurt (Westfälische Nachrichten, Fotos: Karl Kamer)

Broschüre des „Tag des offenen Denkmals 2017“: Tipps & Infos für Schulen

Broschüre Tipps für Schulen zum Tag des offenen Denkmals 2017

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